25 Jahre Heimatverein Milspe (Abschrift Heimatbrief 1974)

 

Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit der Heimatverein Ennepetal-Milspe ins Leben gerufen wurde. Fünfundzwanzig lange Jahre wurde versucht, ihn mit Leben zu erfüllen, damit er ausstrahlen konnte, damit er neue Werte schaffen und alte erhalten konnte. Das ist gelungen. - Heute wollen wir Rückschau halten, wollen uns noch einmal vor Augen führen, was zu seiner Gründung führte.

Unsere Stadt war am Anfang eines Neubeginns, sie stand noch da mit leeren Händen, nur erfüllt von dem Wollen einzelner Menschen, die nach der dunklen Zeit, die hinter uns lag, einen Hoffnungsschimmer heraufsteigen sahen und nach jedem Strohhalm griffen, der sich ihnen bot, um dem Glauben an alles Gute die Taten folgen zu lassen. So rief August Bartz zur Gründung des Vereins auf, verschickte Einladungskarten und warb damit eine kleine Zahl von Mitgliedern. -

Nun war er da, der Heimatverein; aber es blieb still um ihn, bis eines Tages unser Heimatfreund, der verstorbene Landrat Otto Hühn, nochmals Einladungen verschicken ließ, denen einige der 1949 geworbenen Mitglieder folgten. Er zeichnete, mit seiner ihm eigenen Art, das Bild, das ihm vor vorschwebte. Er beschwor noch einmal das, was hinter uns lag. Er beschwor das Elend der Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren, und er zeigte unsere Verpflichtung auf, in dem uns möglichen Rahmen unser Ennepetal für alle seine Bewohner zu einer wirklichen Heimat zu gestalten.

Ich sehe ihn noch vor mir, wie er jedem der Anwesenden ein Aufgabengebiet zuteilte: "Sie können dies übernehmen und Sie jenes!" - Seine Gesten waren so überzeugend und die ganze Angelegenheit von einem großen Ernst und einer so großen Verantwortung getragen, dass niemand ablehnte, man hätte sich geschämt, es zu tun.

Alle Personen des ersten Vorstandes sind inzwischen verstorben oder zurückgetreten, nur die Schreiberin und Wilhelm v. d. Dellen sind noch da, und ich erinnere mich noch gut an seine Zusammensetzung. Der erste Vorsitzende war Otto Hühn. Er wollte aber nur die Schirmherrschaft ausüben, für die eigentlich Arbeit bestimmte er Heimatfreund Wiedemann. Carl Emde wurde Kassenwart, und ich sollte ihm als Beisitzer dienen. Dann wurde der Gartenbauarchitekt Otto Schäfer aufgefordert, in Ennepetal Verschönerungen anzuregen. August Bartz übernahm die Kulturarbeit. Die Heimatfreunde Willi Schumacher und Wilhelm v. d. Dellen wurden seine Beisitzer. Nun stand alles fertig auf dem Papier, doch wie und wo anfangen? Langsam, sehr langsam schälte sich dieses und jenes heraus. Hin und wieder lief ein Vortrag. Die Beteiligung der Bevölkerung war bescheiden. Man traute der Sache nicht recht. Otto Wiedemann trat zurück. Ein neuer Mitarbeiter musste geworben werden, doch überall stieß man auf Ablehnung, bis es Carl Emde gelang, die Heimatfreunde Helmut Suberg und Eugen Engels als Mitglieder zu werben. Spontan erwähnte Otto Hühn sie zu Mitarbeitern, und damit war die Stagnation gebrochen. Ein frischer Wind fegte durch den Verein. - War es bis dahin nur ein bemühen und ein Suchen ohne festen Plan gewesen, so konnte man von jetzt ab von einem Verein sprechen. Alles braucht eben seine Zeit. Mit seltener Begeisterung und Schaffensfreude stürzten sich die neuen Mitarbeiter in die Arbeit. Sie hatten erfasst, worum es ging. Der Versammlungsraum füllte sich bis auf den letzten Platz, die Mitgliederzahl stieg auf 130 Personen an. In unseren Heimatbriefen berichteten wir bereits von unserer Arbeit, doch will ich noch einmal zusammenfassend alles erläutern, damit Sie in der Fremde sich ein Bild davon machen können:

 

Ab 1957 sandten wir bunte Heimatkalender mit einem Anschreiben an die im Ausland lebenden Ennepetaler, ab 1962 dann unseren Ennepetaler Heimatbrief an alle im In- und Auslande lebenden ehemaligen Ennepetaler. Die Zahl der versandten Heimatbriefe stieg auf über 1600 an. Wir konnten ihn drucken lassen, weil die Stadt die Kosten übernahm. Die Arbeit allerdings blieb uns, doch die Freude und die Dankbarkeit, die damit überall ausgelöst wurden, zeigten uns, dass wir auf dem rechten Weg waren. Helmut Suberg sammelte die vielen Adressen, doch konnte er noch nicht alle ermitteln; Eugen Engels legte ein Bildarchiv für Ennepetal an. Leider, viel zu früh, wurde Otto Hühn aus unserer Mitte gerissen. Immer feuerte er an und belebte unsere Abende mit seiner plattdeutschen Sprache. Das heimische Platt und darüber hinaus auch andere Mundarten wurden wieder gepflegt und in die Kulturarbeit hinein gehoben. Eugen Engels ist Experte darin, sowohl in der Sprech- als auch in der Schreibweise, die wahrhaftig nicht leicht ist, und sorgte somit für die heiterkeit an den bunten Heimatabenden. Die Unterhaltung lief dann auch zum Teil in Plattdeutsch, unserer eigentlichen Muttersprache, die so ganz unserem innersten Wesen entspricht.. Ja, Muddersprak, en heilig Wurt, schön as'n Königskled, wenn ick sei hür an'n frömden Urt, wiekt von mi alles Led. -

 

Zivilisation hatten und haben wir übergenug, doch echte Kultur, das, was aus der tiefsten Wesensart des Menschen heraufsteigt und zum schöpferischen Ausdruck wird und wurde, das drohte zu versanden. Die große Gefahr der geistigen Umweltverschmutzung stand als drohendes Gespenst im Hintergrund, und das Bemühen darum, diesem zu wehren, fand die Anerkennung der Mitglieder.

Durch den Tod von Otto Hühn fehlte der erste Vorsitzende, es musste Ersatz geworben werden. Heimatfreund Hans Uies übernahm für kurze Zeit den Vorsitz, doch seine Gesundheit erlaubte ihm die Arbeit nicht, und Eugen Engels trat an seine Stelle.

 


Bild: Vorstand des Heimatvereins Milspe 1958
Stehend von links: Eugen Engels und Willi Schumacher
Sitzend von links: Hans Rickers, Else Rickers, Helmut Suberg und Karl Emde

 

Für unsere bunten Abende verpflichteten wir auswärtige Redner, so unter anderen den verstorbenen Dr. Böhmer, Dr. Eversberg, Franz Holtsteger, Otto Remmert. - Einmal im Jahr unternahmen wir eine heimatkundliche Fahrt, die immer viel Anklang fand. Wir fuhren ins Bergische und ins Westfälische Land, lernten dadurch so manches kennen und schätzen. Der Blick weitete sich. Zur Neubenennung unser Straßen gaben wir Ratschläge. Der Denkmalschutz gehört zu unserem Aufgabengebiet. Zu Tagungen der Heimatpflege wurden wir eingeladen usw. Wir waren reichlich beschäftigt. -

Doch unsere größte und schönste Aufgabe, die wir uns stellten, war die Schaffung zweier abendfüllender Dia-Reihen: "Unsere Milspe" in Farbe und "Milspe anno dazumal" in schwarz-weiß, untermalt mit Tonband und Musik. Doch mit welch primitiven Mitteln wir begannen, darüber muss ich heute noch lachen. Wir hatten kein Tonband, und wussten auch noch keines zu bekommen und noch gar nicht damit umzugehen, hatten keinen passenden Raum für die Aufnahmen zur Verfügung, doch wir hatten Mut. Nach vielem Herumprobieren musste schließlich das Wohnzimmer Rickers als "Aufnahmestudio" dienen. Ein Tonbandgerät wurde beschafft, auf einem Aschenbecher die Töne für das Tuckern des Hammerwerkes mit einem Taschenmesser geübt, und wenn man meinte, es klappte, klopfte der Produzent in Gedanken seine Pfeife aus, und hin war die ganze Arbeit. Unter Scherzen und Gelächter ging es von vorne los. Darüber wurde es Mitternacht, denn erst, wenn Straßenbahnen und Autos nicht mehr fuhren, konnten wir beginnen. Sehr genau nahm es Helmut Suberg mit der Besprechung des Tonbandes. Da saß er tatsächlich mit der Stoppuhr und kontrollierte Takt und Zeit - Jawohl, mit der Stoppuhr! -

 

Jedes Bild wurde besprochen: Die Kirchenglocken läuteten, des Orgeldrehers Lied erklang, die Hammerschmiede war in Betrieb, usw. Den Schlussakkord sollte Willi Schumacher mit dem letzten Vers des Westfalenliedes sprechen. Das wollte und wollte nicht klappen, doch schließlich gelang es so gut, dass wir alle ganz ergriffen und stolz auf unser Kunstwerk waren. - Das Einfangen der Kirchenglocken, da wir geplant hatten, war gar nicht so einfach, und man hatte es schon fast aufgegeben. Doch eines Abends kamen Helmut Suberg und Eugen Engels begeistert damit an: "Wir haben sie, wir haben sie!" Das war ihr Ruf und dann wurde vorgeführt, und dann wurde bestaunt und nochmals bestaunt. Im "Aufnahmestudio" war eitel Freude, und wenn Sie als Leser dieses sich alles einmal vorstellen, werden auch Sie lachen ûnd eine gewisse Komik darin finden, was auch Leute, die nicht vom Fach sind, produzieren können, wenn sie den nötigen Mut und Humor dazu haben. - Viele Aufgaben kommen noch auf uns zu. Die Heimat ist wie eine geöffnete Schale und wir alle sind aufgefordert, unsere Gaben hineinzulegen. Möge die Jugend erkennen, welcher beglückenden Sache sie einmal dienen soll, um die Verpflichtungen, die die Heimat fordert, auf sich nehmen zu können. Der Mensch zieht, so lange er jung ist, gerne hinaus in die Welt, um sich dem Leben zu stellen. Doch ebenso gern kehrt er wieder heim zu den rauschenden Wäldern, den murmelnden Bächen und der plätschernden Ennepe. Gerne ist er wieder in der Heimat. Ihre Stimme sucht bohrend und mahnend unüberhörbar den Ort, da er einst umschlungen war von ihrem schützenden Arm, behütet vor den Stürmen des Lebens, und lässt ihn bekennen:

 

"Ich wanderte durch Täler, grüne Auen,
zog ratlos durch die weite, schöne Welt,
sah, was das Aug' nur wollte immer schauen,
trank, was der Seele tiefem Born gefällt.
Doch leer blieb ich und heimatlos und müde,
es fehlte mir der ew'ge Wellenschlag
es fehlte mir der Heimat stiller Friede
und ihrer Felder bunter Sommertag."

 

Und so wird sie, unsere Jugend, einst bereit sein, das, was wir aufbauten, zu erhalten und es weiterhin mit ihrem Geist zu erfüllen: Das Alte zu achten und zu ehren, dem Neuen mit aufgeschlossenem Herzen gegenüber zu treten und der Heimat heiliges Lied weiter zu singen. Leer und kalt würde es uns werden, würde es verstummen

Fünfundzwanzig Jahre sind seit der Gründung des Vereins vergangen. Wenn wir zurückblicken, eine kurze Spanne Zeit, die der Vergangenheit angehört.

Mit uns wanderten die Ahnen und Urahnen, die einst planten und bauten. Auch heute noch vernehmen wir ihren Schritt.

So ist der Heimatverein, einfach gesagt, der Ausdruck des Lebenswillens der Stadt Ennepetal, der zu uns gehört wie das tägliche Brot, das auf unserem Tische steht.

Wir sagen "Verein", doch er ist mehr, viel mehr:
Er ist Verpflichtung für alle Zeiten, sein Rufen verstummt nie. -


Else Rickers